Die Freie Hansestadt Bremen beschäftigt als Arbeitgeberin so viele Mitarbeitende, wie in einer größeren Kleinstadt leben. Alles, was Menschen in einer Kleinstadt geschieht und sie herausfordert, erleben auch die Beschäftigten. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Und so es gibt auch kein Thema, was noch kein Beratungsthema bei der betrieblichen Sozialberatung war.
Wir klingeln. Direkt bei Birgit Sprecher. Hier haben jeder Berater und jede Beraterin eine eigene Klingel. So gelangen die Klient:innen direkt und ohne Umwege zu den betrieblichen Sozialberater:innen und die Kolleg:innen, die sich in ihrem Büro im Beratungsprozess befinden, werden nicht gestört. Wir befinden uns in der Bremer Innenstadt im Zentrum für Gesunde Arbeit bei der Betrieblichen Sozialberatung (BSB). Organisatorisch angesiedelt bei Performa Nord. Die Betrieblichen Sozialberatung ist Baustein der Betrieblichen Gesundheitsmanagements der Freien Hansestadt Bremen. Zum Team gehören derzeit sieben Berater:innen mit unterschiedlichen Professionen.
Beschäftigte, Führungskräfte und Interessensvertretungen können sich mit Fragestellungen aus dem gesundheitlichen, arbeitsbezogenen oder privaten Bereich an die Berater:innen wenden. Hier ist Raum und Zeit für Probleme und Themen unterschiedlichster Art, zu denen man Beratung braucht. „Es gibt nichts, was es nicht gibt“, fasst Birgit Sprecher, die Referatsleitung, zusammen. „Das Schwere leichter machen“, sei ihr Motto. Manchmal sei Humor auch ein Weg, Probleme anzugehen. Das wird im Laufe des Interviews auch deutlich.
Der Senat hat die Einrichtung einer ressortübergreifenden Betrieblichen Sozialberatung 2017 beschlossen und den Senator für Finanzen beauftragt, den Aufbau in Abstimmung mit Performa Nord vorzubereiten. 2018 hat die Betriebliche Sozialberatung (BSB) als weiterer Baustein des Betrieblichen Gesundheitsmanagements die Arbeit aufgenommen.
Die Zielsetzung einer betrieblichen Sozialberatung folgt dem Präventionsauftrag, der sich für den Arbeitgeber unter anderem aus dem Arbeitsschutzgesetz ergibt und ist auf die Sicherung der Beschäftigungsfähigkeit gerichtet. Dabei geht es gleichermaßen um die Förderung psychischer Gesundheit und die Verringerung von Reibungsverlusten innerhalb der Organisation.
„Bremen war hier wirklich federführend und wollte eine Betriebliche Sozialberatung, die aus einem Team besteht, welches für die Beschäftigten der Freien Hansestadt Bremen zuständig ist“, erklärt Birgit Sprecher.
Es ist den beiden Gastgeberinnen anzumerken, dass sie ihre Arbeit gerne ausüben. Natürlich sind zahlreiche Themen ernsthaft. „Einigen Menschen können wir mit einer Information zu anderen Beratungsstellen helfen, sie kommen daher nur einmal in die Beratungsstelle. Andere Klienten befinden sich in schwierigen Lebenssituationen und suchen die Beratung mehrmals auf. Einige fühlen sich instabil und brauchen eine intensivere Unterstützung. Unsere Aufgabe ist es, den Ratsuchenden die Form von Unterstützung zu bieten, die sie brauchen“, resümiert Nord-Bremerin Birgit Sprecher.
Empathie, Neugier und Geduld helfen Karen Rohlf-Grimm dabei, ihrer Arbeit nachzugehen und dabei Befriedigung und auch Freude zu verspüren. „Ich bin auch neugierig. Ich frage mich jedes Mal, wer da heute vor der Tür steht, was das für ein Mensch ist und was ihn ausmacht, welche Lebensgeschichte er mitbringt. Zu uns kommen Menschen, die sich arbeitsmäßig überlastet oder auch unterfordert fühlen. Andere leiden unter psychischen Beeinträchtigungen, riskantem Suchtverhalten oder sind körperlich schwer erkrankt. Wo Menschen zusammenkommen, gibt es auch Konflikte. Private Belastungen wie zum Beispiel die Pflege von Angehörigen, Trennungen oder Verlust eines nahestehenden Menschen wirken sich oftmals auch auf die Arbeitsleistung aus. Das sind nur einige Beispiele der Fälle, die uns in der Betriebliche Sozialberatung begegnen.“
Zur Betriebliche Sozialberatung kommen die unterschiedlichsten Mitarbeitenden in die Beratung, darunter auch Personen in Führungspositionen oder mit speziellen Funktionen. „Wir beraten zu den verschiedensten Anliegen und sind unter anderem auch in der Konfliktbewältigung ausgebildet“, erläutert Karen Rohlf-Grimm. Unser multiprofessionelles Team mit verschiedenen Ausbildungsschwerpunkten ist in der Lage auf verschiedene Beratungsanliegen einzugehen. Die Vielfalt unserer Aufgaben macht unsere Arbeit spannend, herausfordernd und interessant. Supervisionen oder Teamcoachings führen wir jedoch nicht durch, und die Rechtsberatung gehört ebenfalls nicht zu unseren Aufgaben.“
Wichtig ist: Bei dem Angebot der Betrieblichen Sozialberatung handelt es sich nicht um eine Psychotherapie – das ist ein wichtiger Unterschied. Sollte eine Beraterin oder ein Berater feststellen, dass der Klient oder die Klientin eine Psychotherapie benötigt, geht es darum, die Person bei der Suche nach einem Therapierplatz zu unterstützen, über Zugangswege zu informieren, verschiedene psychotherapeutische Ansätze zu erläutern und die Person so lange zu begleiten, bis ein geeigneter Platz gefunden wird. Denn die Suche nach einem geeigneten Platz kann schon einige Monate in Anspruch nehmen.
Um die Arbeitsthemen nicht mit nach Hause zu nehmen, hat jede:r Berater:in eigene Strategien. Karen Rohlf-Grimm ist Diplom Sozialpädagogin mit Zusatzqualifikationen im Bereich klientenzentrierter Beratung, Konfliktmanagement und Trauerbewältigung. Darüber hinaus ist sie ausgebildete Yoga-Lehrerin, meditiert und verbringt viel Zeit in der Natur, um Körper und Geist in Einklang zu bringen. „Selbstfürsorge ist bei uns wichtig“, sagt sie und spricht auch das Thema Pausenkultur an. Schon kleine Pausen könnten das Wohlbefinden verbessern. Birgit Sprecher hat sich nach einer Ausbildung bei der Deutschen Rentenversicherung für ein Studium der klinischen Psychologie entschieden. Zu ihren Aufgaben gehört neben der Beratung auch die Arbeit als Führungskraft. Privat verbringe sie viel Zeit in der Natur beim Wandern oder Radfahren. Ablenkung finde sie auch beim Nähen, Stricken und Malen.
Für die Beratungen kann das Setting gewählt werden. In der Regel finden die Gespräche im persönlichen Kontakt in den Räumen der Betriebliche Sozialberatung statt, aber auch Telefon-Video und Gruppenberatung werden angeboten.
Während der Pandemie, die mit Abstandsregelungen und Quarantäne einherging, wich man auf Beratungen im Stil „walk and talk“ aus: Ein Spaziergang im Freien, während man im Gehen seine Gedanken und Probleme besprach. Aus heutiger Sicht etwas, was gerne wieder aufgegriffen werden kann, sagen die beiden Beraterinnen.
Natürlich versuchen Menschen inzwischen auch durch KI zur Lösung ihrer persönlichen Themen zu kommen und die KI kann mittlerweile hilfreiche Unterstützung bieten. Wir beobachten allerdings auch, dass der Wunsch nach persönlicher Beratung unvermindert weiter besteht. Die Empathie, das echte Verständnis und die Beziehung bleibt unersetzbar. Gerade in Zeiten der Distanz und Unsicherheit kann die Face-to Face-Beratung ein Anker sein. Außerdem besteht die Gefahr, dass die KI in akuten Krisen (zum Beispiel Suizidalität) falsche Einschätzung zur Problemlage übermittelt.
Das sind alles Problemstellungen, die bei der Betrieblichen Sozialberatung aufkommen und behandelt werden. Ein Glück, dass die Hemmschwelle, sich Hilfe zu suchen, deutlich gesunken ist im Vergleich zu den früheren Zeiten. „Personen, die bei uns waren, erzählen oft auch davon im Team oder im Bekanntenkreis und so kommen wir auch mehr ins Gespräch“, fasst Birgit Sprecher zusammen. „Heute werden die Erfahrungen hier eher geteilt und es wird positiv angesehen, dass man seine Probleme angeht“, freut sich Karen Rohlf-Grimm über diese Entwicklung. Es wird also nicht langweilig für Birgit Sprecher und ihr Team.
Sollten Sie oder Kolleg:innen, Freund:innen oder Bekannte im bremischen öffentlichen Dienst Bedarf an einer betrieblichen Sozialberatung haben, hatten Sie nun schon einmal die Möglichkeit, zwei aus dem Team etwas kennenzulernen. Die Beratung kann zu allen persönlichen, beruflichen, psychosozialen und gesundheitlichen Fragestellungen genutzt werden.
Kontakt: Telefonisch unter 0421/361 616 68 oder per E-Mail sozialberatung@performanord.bremen.de
Fotos: Michael Schnelle, Fotoarchiv SKB-Bremen