Wer sich mit Stefan Wittig unterhält, spürt sofort seine Leidenschaft für ein Thema, das viele lieber verdrängen würden: die Folgen des Klimawandels. Der studierte Biologe befasste sich schon in seiner Diplomarbeit mit Klimaanpassung – heute ist er kommunaler Klimaanpassungsmanager bei der Senatorin für Umwelt, Klima und Wissenschaft in Bremen. „Klimaanpassung bezeichnet die Aufgabe, sich an die unvermeidbaren Folgen des Klimawandels anzupassen“, erklärt der Bremer – und grenzt den Bereich Klimaanpassung vom Klimaschutz ab.
Sein Weg führte ihn über interdisziplinäre Forschungsprojekte an der Universität Bremen und die Klimaberatung von Bundesbehörden in seiner Tätigkeit als Consultant in einem Planungsbüro nun in die Klima-Abteilung der Bremer Verwaltung. Dort gestaltet er aktiv die Zukunft seiner Stadt – mit fundierten Daten, klar ausgerichteter Strategie und viel Dialog.
„Wir sind mittendrin im Klimawandel“, sagt Wittig nüchtern. Seine Zahlen sprechen eine klare Sprache: steigende Temperaturen, häufigere Extremereignisse, veränderte Niederschläge. Bis zur Mitte des Jahrhunderts geht es mit der Erderwärmung weiter – selbst bei bestem Klimaschutz. Doch Klimaanpassung ist nicht Resignation, sondern Reaktion und Transformation. In einem neunköpfigen Referat „Anpassung an den Klimawandel“ koordiniert Wittig gemeinsam mit seinen Kolleg:innen datenbasierte Strategien und konkrete Maßnahmen: „Unsere Aufgabe ist es, die unvermeidbaren Folgen des Klimawandels abzupuffern – und das mit Weitsicht und System.“ Das Team arbeitet übrigens sowohl auf kommunaler Ebene für die Stadt Bremen als auch auf Landesebene – ein Zeichen dafür, wie zentral Klimaanpassung in der Verwaltung verankert ist.
Im Bremischen Klimaschutz- und Energiegesetz ist festgeschrieben, dass alle Träger öffentlicher Aufgaben die Ziele der Klimaanpassung querschnittsorientiert berücksichtigen müssen. Für Wittig ist das Rückendeckung auf rechtlicher Ebene – aber auch ein klarer Arbeitsauftrag. Für Bauprojekte in Bremen bedeutet das: Schon bei der Planung wird Wittig häufig eingebunden – mit einem kritischen Blick auf die Baupläne. Gibt es genügend Bäume, die Schatten spenden? Wurde an die Versickerung und Verdunstung von Regenwasser gedacht? Kann Starkregen schadlos abfließen? Solche Details prüft er und bringt konkrete Vorschläge oder kritische Nachfragen ein.
Klimaanpassung ist in Bremen eine Querschnittsaufgabe – niemand kann so was allein in die Hand nehmen. Wittig bringt bei größeren, strategischen Projekten wie der sogenannten „Schwammstadt“ deshalb gemeinsam mit den Kolleg:innen regelmäßig viele Akteur:innen an einen Tisch, moderiert Prozesse, entwickelt Workflows. Ob Stadtplanung, Wasserwirtschaft oder Umweltbelange – Klimawandel muss immer und überall mitgedacht werden. „Ich identifiziere Verwaltungsroutinen und versuche, alle Bereiche für die Klimaanpassungsbedarfe zu sensibilisieren“, erzählt er. „Denn eines steht fest: Es gibt gute Wege, wie wir dem Klimawandel begegnen können. Deshalb müssen wir über alle Verwaltungsbereiche hinweg über Lösungen nachdenken, die besonders nachhaltig sind.“ Wichtig sei, nicht mehr sektoral zu denken und zu agieren, sondern integriert – mit einer gemeinsamen Vision.
Neben der Datenerhebung spielt das Monitoring eine wichtige Rolle. Denn was nützen Maßnahmen, wenn ihre Wirkung nicht regelmäßig überprüft wird? Genau darum kümmert sich Wittigs Team – mit der bestverfügbaren Datenbasis als Grundlage für fundierte Entscheidungen. So wurde im Juli 2025 die neue Klimaanpassungsstrategie für Bremen und Bremerhaven beschlossen, die unmittelbar auf den Hitzeaktionsplan aus dem Jahr 2024 folgte. „Stadtplanung und -erneuerung sind zentrale Themen, die wir sehr ambitioniert anpacken müssen“, berichtet der Klimaanpassungsmanager.
Besonders sichtbar wird Wittigs Arbeit derzeit in der Bremer Innenstadt. Aus Bundesmitteln des Projekts „Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren“ geht die erste Klimastraße in der Innenstadt Bremens hervor: die Dechanatstraße in der Nähe der Domsheide. Der Baustart ist im Herbst 2025. Geplant sind unter anderem:
• Bäume, um Hitzebelastung zu reduzieren – für Passant:innen und die Schüler:innen der naheliegenden Schule
• Tiefbeete und eine Rigole für Regenwasserversickerung und Speicherung – als Schutz vor Überschwemmung bei Starkregen für den tieferliegenden Schnoor
• Verkehrsberuhigung für eine sichere Straßenüberquerung
• ein einladender Aufenthaltsbereich rund um das jüdische Mahnmal für die Novemberpogrome
Ziel ist nicht nur mehr Aufenthaltsqualität, sondern auch Mensch und Natur messbar zu entlasten – gerade in heißen Nächten oder bei Starkregen.
Innerhalb dieses Projekts spielte auch der erste Bürger:innenrat Stadtraum Centrum Bremen eine wichtige Rolle – denn zusammen mit diesem Rat wurde die Dechanatstraße als Pilotraum aus ursprünglich 30 identifizierten Potenzialräumen in der Innenstadt ausgewählt.
Strategien setzt Wittigs Team auch bei kleineren, aber entscheidenden Projekten an. Ein Beispiel: „KlimPark“, ein vom Bund gefördertes Projekt zum klimaangepassten Parkgewässermanagement. Früher gab es keine klare Zuständigkeit für die bremischen Parkgewässer und urbanen Kleingewässer – heute existiert ein Managementplan und sogar ein neues Belüftungssystem wurde erprobt, das Gewässer biologisch saniert, ganz ohne Ausbaggern.
Ein anderes Projekt, „BREsilient“, setzt direkt im Überschwemmungsgebiet Pauliner Marsch an. Gemeinsam mit unter anderem den Kleingartenvereinen, Werder Bremen, den Kanu- und Sportvereinen und dem Sportgarten entwickelte Wittigs Team eine Sturmflut-Partnerschaft. Die Ansässigen treiben verschiedene Fragen um: Wo kann ich mich über Hochwasser und Sturmfluten informieren? Was kann ich tun, wenn eine Sturmflut kommt und die Marsch überspült wird? Auch über das Projektende hinaus bleibt diese Partnerschaft bestehen und „es freut uns sehr, dass unsere Projektimpulse so nachhaltig wirken.“
Wittig und seine Kolleg:innen wissen: „Es geht nicht nur ums Stadtgrün, nicht nur ums Wasser. Es geht nicht nur um die Gesundheit oder die Natur. Es geht um all die vielen Fäden, die wir in Sachen Klimaanpassung zusammenbringen müssen, um für die Klimawandelzukunft gewappnet zu sein.“ Dieses Bild zeigt: Klimaanpassung ist eine Gemeinschaftsaufgabe, die alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens und Handelns miteinander verknüpft.
„Ein ganz wichtiges Ziel, weswegen die Klimaanpassung für unsere Städte so wichtig ist, ist unsere Gesundheit und Lebensqualität“, spitzt der Experte zu. Durch eine Stadtklimaanalyse kann der Klimaanpassungsmanager unter anderem Grünflächen – sogenannte Ausgleichsräume – identifizieren, die eine zentrale Bedeutung für Bremen haben. „Denn auf Grünflächen mit viel Vegetation kann wunderbar kalte Luft entstehen, die nachts, besonders spürbar im Sommer, in die umliegenden Wohngebiete strömt und sie abkühlt“, fährt er fort. Die Folge: Wir alle schlafen besser und können uns erholen. Solche Flächen zu schützen und zu fördern sei eine sehr wichtige Aufgabe. Denn intakte Ausgleichsräume tragen maßgeblich zum Wohlfühlklima in der Stadt bei – und reduzieren unsere gesundheitliche Belastung durch Hitze.
Klimaanpassungsmanagement ist ein Langzeitprojekt. Ein Marathon, der Ausdauer verlangt. Doch viele Projektförderungen sind eher Sprintetappen und laufen nur über kurze Zeiträume. Das erklärte Ziel: „Wir schaffen mit jedem geförderten Projekt so gute Grundlagen und Erkenntnisse, dass sie über die Förderzeit hinaus wirken können.“ Das sei oft ein Balanceakt – aber auch eine kreative Herausforderung, die Wittig mag.
Auch zum Zusammenspiel von Klimaanpassung und Klimaschutz hat der studierte Biologe eine klare Haltung: „In der Klimaanpassung arbeiten wir so naturnah wie möglich“, erklärt er. Unversiegelte Böden, Bäume als Schattenspender, Grünflächen als Kältezonen. Doch er weiß: Es gibt Grenzen. „Wenn der Klimawandel weiter so schnell voranschreitet, vertrocknen zum Beispiel Bäume. Und dann fehlen die kühlenden Kronen.“ Deshalb ist Klimaschutz genauso wichtig wie Klimaanpassung – denn nur gemeinsam können sie die Belastungen durch die Klimafolgen abfedern und immense Kosten bei der Klimaschadensbewältigung sparen. Mehr noch: Ohne ambitionierten Klimaschutz können technische, soziale und finanzielle Grenzen der Klimaanpassung überschritten werden.
„Ich kann in der Verwaltung wirklich etwas bewegen“, sagt Wittig. Er schätzt die Verantwortung, die Gestaltungsmöglichkeiten und die kreative sowie innovative Arbeit, die jeden Tag neue Fragen aufwirft. Am Ende geht es ihm um mehr als technische Lösungen für Klima-Herausforderungen – es geht um die Lebensqualität der Menschen in Bremen. Und dafür kämpft er täglich mit Daten, Strategien und Herzblut.
Fotos: Julia Dennert, AFZ-50