Dürfen wir vorstellen: Ina Bloß, Abschnittsleitung und stellvertretende Referatsleitung bei der Senatorin für Bau, Mobilität und Stadtentwicklung im Bereich Wohngeld. Oder auch: Ina Bloß, karaoke-liebende Tänzerin mit Affinität zum Fantasie Genre, Dungeons & Dragons und Rollenspielen. Klar ist, hier lädt eine facettenreiche Persönlichkeit zu „Auf einen Kaffee mit“ ein. Ein großes Poster des Raumschiffs Enterprise von Star Trek ziert die (triste) Bürowand, es soll stetig an den dortigen Captain Jean-Luc Picard erinnern. Dieser bespricht mit seinem Team alle anfallenden Probleme und Themen gemeinsam, hört zu und fällt dann in einer sehr wertschätzenden Art und Weise eine Entscheidung. Zahlreiche philosophische Anekdoten flankieren diesen Prozess. Für Ina Bloß eine Führungskraft par excellence und eine Vorbildfunktion. „Auch ich habe ein Team, das viele verschiedene Fähigkeiten mitbringt, die ich nutzen muss, die ich anhören muss, um dann eine finale Entscheidung zu treffen“, erklärt die Bremerin, die in der Neustadt wohnt. Sie habe gelernt, dass es immer jemanden geben wird, der oder die diese Entscheidung nicht gutheiße, dennoch sind Entscheidungen wichtig. Entweder, um zu diesen zu stehen, oder um daraus zu lernen, weil sie doch falsch waren.
Entscheidungen muss Ina Bloß viele treffen. Ihr Alltag besteht aus stetigen Herausforderungen, die die Digitalisierung der Wohngeldantragstellung und -bearbeitung mit sich bringt. „75 Prozent der Anträge auf Wohngeld werden nicht vollständig eingereicht. Das liegt nicht an der Kundschaft, sondern der Antrag ist einfach sehr komplex und besteht aus vielen etwaigen Anhängen“, erläutert sie. Ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin benötigt etwa 40 Minuten, um die Dokumente zu sortieren, fehlende zu identifizieren und anzufordern. Die einzuführende KI benötigt hierfür lediglich zwei Minuten – daher heiß begehrt. Eine Kehrseite der Medaille gibt es natürlich auch: Bei Sozialleistungen handelt es sich immer um sensible Daten – datenschutzrechtlich muss das Verfahren also lückenlos sein. Eine Herausforderung. Allgemeine Fragen zu Rechtsgrundlagen kann eine ChatBot, ähnlich wie ChatGPT, liefern. Auch eine allgemeine Prüfung des Antrags kann die KI machen und so eine Unterstützung für die Sachbearbeitung bieten. Die Entscheidung über die Leistung trifft am Ende aber weiterhin die Sachbearbeitung selbst. Wichtig ist hierbei, sich nicht zu sehr auf die KI zu verlassen, man sollte wachsam und aufmerksam bleiben. Eine weitere Herausforderung. „Technisch ist viel möglich, eine Digitalisierung wird in den nächsten 10 Jahren definitiv erfolgen. Wie damit umgegangen wird, welche Fehlerquellen entstehen und wie man diesen entgegenwirken kann, das ist dann Aufgabe der Verwaltung“, resümiert die Halb-Vietnamesin.
Die anfallenden Aufgaben machen ihr großen Spaß, Ina Bloß berichtet von einer anspruchsvollen Tätigkeit, die viel Flexibilität abfordere und dennoch ebenso viel Spaß bringe. „Stolz? Stolz bin ich auf meine Mitarbeitenden. Das macht auch am meisten Spaß. Die Verwaltung ist nicht dafür gemacht, dass man für immer denselben Job macht. Dafür gibt es viel zu viele Veränderungen in der Gesellschaft und Politik. Meine Mitarbeitenden müssen mitwachsen, ihre Perspektiven wechseln und mit den Veränderungen gehen. Personalentwicklung – das möchte ich schaffen!“, fasst die gebürtige Brandenburgerin zusammen.
Dabei hat Ina Bloß selbst wohl die größte Entwicklung hinter sich. Angefangen als stellvertretende Referatsleitung hat sie sich damals als „Ingo Bloß“ vorgestellt, es folgte ein langer Prozess von Selbstfindung, Änderung des Geschlechtseintrags im Standesamt, Änderung des Geburtenregisters und schließlich die Erneuerung des Personalausweises zu „Ina Bloß“. „Die Hormontherapie begann erst danach, äußerlich war also noch nichts zu sehen“, lacht die quirlige Gastgeberin. Bekannt gegeben hat sie die Umwandlung dann in der Referatsrunde, vor knapp 70 Personen mit den Worten: „Ich habe nach dem Paragraph 22 Absatz 3 Personenstandsgesetz mein Geschlecht geändert. So trocken, wie die Verwaltung eben ist“, so Ina Bloß. Eine schwierige Situation, in der einige nicht wussten, wie man richtig reagiere. Ina Bloß selbst ist da recht locker: Sollte doch jemand mal das männliche Geschlecht verwenden, sei das für sie nicht schlimm. Das sogenannte „Dead-Naming“, also dass niemals der alte Name/das ehemalige Geschlecht verwendet werden darf, sei in der Szene recht selten. „Es kommt halt darauf an, was man vorher für Erfahrungen gemacht hat. Aber in der Regel macht sich das Gegenüber mehr Gedanken als man selbst“, erklärt Ina Bloß. Zum Abschluss betont sie noch einmal, wie queer-freundlich Bremen sei. Hier werde die Vielfalt noch gelebt und die Trans*Beratung Bremen sowie der Queere Stammtisch seien hilfreiche Anlaufstellen.
Fotos: Michael Schnelle, Fotoarchiv SKB-Bremen